Kreislaufwirtschaft ist Klimaschutz • WASSER & ABWASSER

Die Recyclingwirtschaft vermeidet mehr Treibhausgase als sie erzeugt. (Bild: Messe München)Die Recyclingwirtschaft vermeidet mehr Treibhausgase als sie erzeugt. (Bild: Messe München)
Kreislaufwirtschaft ist Klimaschutz

Ob die glo­ba­le Bewe­gung Fri­days for Future, der European Green Deal oder das deut­sche Kli­ma­schutz­pro­gramm 2030 – der Kampf gegen den Kli­ma­wan­del beherrscht seit Mona­ten die öffent­li­che Dis­kus­si­on. Auf der Umwelt­tech­no­lo­gie­mes­se Ifat im Mai die­ses Jah­res in Mün­chen wird deut­lich wer­den, wel­chen bedeu­ten­den Bei­trag eine moder­ne Kreis­lauf- und Abfall­wirt­schaft zum Kli­ma­schutz leis­tet.

Der „Green Deal“ ist ein zen­tra­les Ele­ment der legis­la­ti­ven Agen­da der neu­en EU-Kom­mis­si­on für die nächs­ten fünf Jah­re. Kommt alles so, wie es die EU-Prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en plant, soll das euro­päi­sche Wirt­schafts­sys­tem so umge­stal­tet wer­den, dass schnell und in gro­ßem Stil Treib­haus­ga­se ein­ge­spart wer­den kön­nen, um die glo­ba­le Erd­er­wär­mung ein­zu­däm­men. „Die Kreis­lauf­wirt­schaft spielt hier eine Schlüs­sel­rol­le“, betont Peter Kurth. So wären laut dem Prä­si­den­ten des Bun­des­ver­bands der Deut­schen Ent­sor­gungs-, Was­ser- und Roh­stoff­wirt­schaft e. V. (BDE) vom Green Deal unter ande­rem ein noch stär­ke­rer und vor allem ver­pflich­ten­der Ein­satz von Recy­cling­ma­te­ria­li­en in der Pro­duk­ti­on zu erwar­ten.

Die Kreislaufwirtschaft vermeidet mehr Treibhausgase als sie erzeugt

Dabei kann die deut­sche Abfall- und Recy­cling­wirt­schaft an die bereits erbrach­ten Kli­ma­schutz­leis­tun­gen anknüp­fen. So hat sie laut dem Ver­ein „Kli­ma­schutz durch Kreis­lauf­wirt­schaft e.V.“ in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren durch einen erfolg­rei­chen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess mehr als 87 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­di­oxid (CO2)-Äquivalente pro Jahr ein­ge­spart. „Damit dürf­te die Abfall- und Recy­cling­wirt­schaft die ein­zi­ge Wirt­schafts­bran­che sein, die durch ihre Geschäfts­tä­tig­keit mehr Treib­haus­ga­se ver­mei­det als sie erzeugt“, unter­streicht Ernst-Peter Rah­len­beck, der Vor­sit­zen­de von „Kli­ma­schutz durch Kreis­lauf­wirt­schaft“. Die im Jahr 2014 gegrün­de­te Initia­ti­ve setzt sich aus Ver­bän­den und Unter­neh­men der Kreis­lauf­wirt­schaft zusam­men.

Potenziale durch umfangreicheres Recycling

Zusätz­lich zu den bis­he­ri­gen Erfol­gen kann die Kreis­lauf­wirt­schaft in ihrem Ver­ant­wor­tungs­be­reich noch erheb­li­che wei­te­re Kli­ma­schutz­po­ten­zia­le rea­li­sie­ren“, ist sich Dr. Jochen Hoff­meis­ter sicher. Mög­lich ist dies laut dem Exper­ten des Wirt­schafts­for­schungs- und Bera­tungs­un­ter­neh­men Pro­gnos durch tech­no­lo­gi­sche Ver­bes­se­run­gen in der gesam­ten Wert­schöp­fungs­ket­te – von der Samm­lung über die Sor­tie­rung bis zur Ver­wer­tung. Eric Reh­bock, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Bun­des­ver­bands Sekun­där­roh­stof­fe und Ent­sor­gung e.V. (bvse), ver­deut­licht: „Die Recy­cling­bran­che ver­sorgt Indus­trie, Hand­werk und Gewer­be mit Sekun­där­roh­stof­fen, was einen gro­ßen Bei­trag zur Ener­gie­ein­spa­rung und damit auch zum Kli­ma­schutz leis­tet. In der Stahl-, Glas- und Papier­bran­che zeigt sich das durch hohe Ein­satz­quo­ten der Sekun­där­roh­stof­fe sehr ein­drucks­voll. Ein hohes Kli­ma­schutz­po­ten­zi­al gibt es zudem beson­ders im Kunst­stoff­be­reich, aber auch beim Ein­satz von Recy­cling­bau­stof­fen.“ Nach Anga­ben des „Kli­ma­schutz durch Kreis­lauf­wirt­schaft e.V.“ wer­den schon heu­te durch den Ein­satz von Recy­clingroh­stof­fen jähr­lich rund 50 Mil­lio­nen Ton­nen CO2-Äqui­va­len­te ein­ge­spart. Durch ver­stärk­tes Recy­cling sei­en wei­te­re rund acht Mil­lio­nen Ton­nen rea­li­sier­bar.

Rolle der thermischen Abfallbehandlung und der Deponien

Um die aktu­ell auf­ge­stell­ten EU-Zie­le für den Umgang mit Sied­lungs-, Gewer­be- und Indus­trie­ab­fäl­len zu erfül­len, wird – neben den Recy­cling­pfa­den – bis zum Jahr 2035 eine Rest­ab­fall­be­hand­lungs­ka­pa­zi­tät von 142 Mil­lio­nen Ton­nen benö­tigt. Dies errech­ne­te der euro­päi­sche Dach­ver­band der Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen-Betrei­ber CEWEP. Nach sei­nen Anga­ben haben die Müll­heiz­kraft­wer­ke und Ersatz­brenn­stoff­an­la­gen in Euro­pa zusam­men der­zeit eine Kapa­zi­tät von 101 Mil­lio­nen Ton­nen. „Die Ther­mi­schen Abfall­be­hand­lungs­an­la­gen tru­gen durch das Ver­mei­den ent­spre­chen­der Depo­nie­gas­emis­sio­nen schon in der Ver­gan­gen­heit mas­siv zur Treib­haus­gas­emis­si­ons­min­de­rung der Kreis­lauf­wirt­schaft bei. Sie leis­ten dar­über hin­aus wei­te­re wert­vol­le Bei­trä­ge zum Kli­ma­schutz – unter ande­rem durch die Sub­sti­tu­ti­on fos­si­ler Ener­gie­trä­ger sowie durch die Ver­wer­tung von Metal­len und mine­ra­li­schen Ersatz­bau­stof­fen aus den Ver­bren­nungs­rück­stän­den“, erläu­tert Cars­ten Spohn, CEWEP-Vize­prä­si­dent und Geschäfts­füh­rer der Inter­es­sen­ge­mein­schaft der Ther­mi­schen Abfall­be­hand­lungs­an­la­gen in Deutsch­land (ITAD e.V.). Nach ITAD-Infor­ma­tio­nen ent­las­te­ten die Ther­mi­schen Abfall­be­hand­lungs­an­la­gen in Deutsch­land im ver­gan­ge­nen Jahr die Atmo­sphä­re damit um rund sechs Mil­lio­nen Ton­nen CO2-Äqui­va­len­te – ohne Berück­sich­ti­gung des his­to­ri­schen Bei­trags.

Einen wesent­li­chen Anteil am Emis­si­ons­rück­gang wäh­rend des letz­ten Jahr­zehnts hat­te die Schlie­ßung der Depo­ni­en für unvor­be­han­del­te Abfäl­le in Deutsch­land im Jahr 2005. Im Sep­tem­ber 2019 ver­pflich­te­ten sich die deut­schen Depo­nie­be­trei­ber frei­wil­lig, die Rest­emis­sio­nen der Depo­ni­en noch wei­ter und vor allem schnel­ler zu redu­zie­ren. So soll zum einen die Gas­fas­sung auf den vor­han­de­nen Depo­ni­en noch wei­ter inten­si­viert wer­den. Zum ande­ren sol­len Depo­ni­en mit nur noch gerin­ger Gas­pro­duk­ti­on belüf­tet wer­den, indem über die vor­han­de­nen Gas­brun­nen Luft in den Depo­nie­kör­per ein­ge­lei­tet wird. Dies bewirkt, dass sich die abge­la­ger­ten orga­ni­schen Abfäl­le schnel­ler zer­set­zen und somit die Pro­duk­ti­on des Kli­ma­ga­ses Methan deut­lich redu­ziert wird. „Unser erklär­tes Ziel ist es, bis zum Jahr 2027 zusätz­lich eine Mil­li­on Ton­nen CO2-Äqui­va­len­te ein­zu­spa­ren“, kün­digt Hart­mut Haeming, Vor­sit­zen­der der Inter­es­sen­ge­mein­schaft Deut­sche Depo­nie­be­trei­ber e.V. (InwesD), an.

Auf der IFAT: Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft

Einen bran­chen­wei­ten Über­blick – gera­de auch über die Kli­ma­schutz­ef­fek­te – ver­spricht die Neu­auf­la­ge des „Sta­tus­be­richts der deut­schen Kreis­lauf­wirt­schaft“, der auf der IFAT 2020 ver­öf­fent­licht wird. Die von fast allen rele­van­ten Ver­bän­den getra­ge­ne und von der Mes­se Mün­chen unter­stütz­te Publi­ka­ti­on soll ein umfas­sen­des und abge­stimm­tes Bild der gesam­ten Bran­chen­tä­tig­keit lie­fern.

Die Bedeu­tung des Kli­ma­schut­zes in der aktu­el­le Umwelt­tech­no­lo­gie wird zudem zen­tra­les The­ma im umfang­rei­chen Rah­men­pro­gramm der Mes­se sein.