„Das Venedig Afrikas“ versinkt im Müll • WASSER & ABWASSER

Abfälle aller Art und gelöste Substanzen gelangen durch unbehandelte häusliche und industrielle Abwässer in den flachen Nokoué-See. Bild: Amaf-BeninAbfälle aller Art und gelöste Substanzen gelangen durch unbehandelte häusliche und industrielle Abwässer in den flachen Nokoué-See. (Bild: Amaf-Benin)
Das Venedig Afrikas“ versinkt im Müll

Müll und Che­mi­ka­li­en bedro­hen das ohne­hin emp­find­li­che Öko­sys­tem des Nokoué-Sees in Benin, West­afri­ka. Abfäl­le, unbe­han­del­te Haus­halts- und Indus­trie­ab­wäs­ser wer­den in den See ent­sorgt. Es müs­sen drin­gend Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um die nega­ti­ven mensch­li­chen Ein­flüs­se auf den See zu ver­min­dern und eine dau­er­haf­te, nach­hal­ti­ge Zukunft für kom­men­de Genera­tio­nen zu gewähr­leis­ten.

Das Dorf Gan­vié am Nord­ufer des Nokoué-Sees in Benin ist die größ­te afri­ka­ni­sche Stadt, die voll­stän­dig auf Stel­zen gebaut wur­de. Gan­vié wird auch als „Vene­dig Afri­kas“ bezeich­net. Auf der schma­len Land­zun­ge, die den See vom Atlan­tik trennt, liegt Coto­nou, die mit fast 1 Mio. Ein­woh­nern größ­te Stadt des Lan­des. Der fla­che See und die Mün­dung des Flus­ses Oué­mé bil­den ein aus­ge­dehn­tes Feucht­ge­biet und sind ein Refu­gi­um für vie­le sel­te­ne und gefähr­de­te Tier­ar­ten wie das Afri­ka­ni­sche Mana­ti, eine an der west­afri­ka­ni­schen Küs­te hei­mi­sche See­kuhart. Das klingt zunächst sehr idyl­lisch. Doch die Rea­li­tät am Nokoué-See sieht anders aus.

Dramatische Zustände

Der Nokoué-See gehört zu den wich­tigs­ten Fisch­grün­den in Benin. Sei­ne zuneh­men­de Ver­schmut­zung bedroht die Umwelt, die Was­ser­fau­na und gefähr­det die mensch­li­che Gesund­heit,“ sagt Fataï Aina, Geschäfts­füh­rer der Living Lakes-Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on Amis de l’Afrique Fran­co­pho­ne-Bénin (Amaf-Benin), die sich vor Ort für die Sanie­rung und den Schutz des Nokoué-Sees ein­setzt.

Der See ist zahl­rei­chen Ver­schmut­zungs­quel­len aus­ge­setzt. In den Städ­ten am See gibt es kei­ne Abwas­ser­rei­ni­gung und nahe­zu der gesam­te Haus­müll wird in das Gewäs­ser ent­sorgt. Fäka­li­en von auf Stel­zen gebau­ten Toi­let­ten­an­la­gen wer­den ins See­was­ser gelei­tet. Außer­dem gelan­gen Phos­phat, Nitrat, Sul­fat, Chlo­rid, Ammo­ni­um aus dem Abbau von stick­stoff­hal­ti­gen Abfäl­len, Blei aus Auto­bat­te­ri­en, Bat­te­ri­en und Schrott aller Art über das Abfluss­was­ser der wil­den Müll­hal­den der Stadt Coto­nou in den See. Pes­ti­zid­rück­stän­de, che­mi­sche Dün­ge­mit­tel und Sub­stan­zen der Lebens­mit­tel­in­dus­trie wer­den vom Fluss Oué­mé, der fast das gesam­te Land durch­zieht, in den Nokoué-See ein­ge­bracht. Ein wei­te­res Pro­blem ist der von Schmugg­lern betrie­be­ne ille­ga­le Han­del mit dem soge­nann­ten „kpayo“, einem Treib­stoff-Ver­schnitt, der beim Trans­port zum Teil in den See gelangt.

Die schlech­ten hygie­ni­schen Bedin­gun­gen füh­ren zu Krank­hei­ten, wie Durch­fall, Bil­har­zio­se, Cho­le­ra, Ruhr oder Typhus, die jedes Jahr vor allem bei zahl­rei­chen Kin­dern unter fünf Jah­ren zum Tod füh­ren. Da der Nokoué-See zu den wich­tigs­ten Quel­len der Fische­rei in Benin gehört, stel­len die dra­ma­ti­schen Ver­schmut­zun­gen eine exis­ten­zi­el­le Bedro­hung der Men­schen und ihrer Gesund­heit dar.

Höchste Zeit für Veränderungen

Um die ver­ant­wort­li­chen beni­ni­schen Behör­den zu sen­si­bi­li­sie­ren und die loka­le Bevöl­ke­rung zu schüt­zen, ernen­nen der Glo­bal Natu­re Fund und die ört­li­che Living Lakes-Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on Amis de l’Afrique Fran­co­pho­ne-Bénin (Amaf-Benin) am 2. Febru­ar, dem Welt­feucht­ge­biets­tag, den Nokoué-See zum „Bedroh­ten See des Jah­res 2019“.

Auch für den Fort­be­stand der letz­ten Popu­la­tio­nen des Afri­ka­ni­schen Mana­tis ist es uner­läss­lich, Sani­tär- und Klär­an­la­gen für häus­li­che und indus­tri­el­le Abwäs­ser zu bau­en. Zu den Akti­vi­tä­ten, die Amaf-Benin bereits durch­ge­führt hat, gehö­ren vor allem Sanie­rungs­maß­nah­men am Fluss­ufer und Infor­ma­ti­ons­kam­pa­gnen in den ansäs­si­gen Gemein­den, die bereits ers­te posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen zei­gen.

Erste Schritte in die richtige Richtung

Die Man­gro­ven­wäl­der am Über­gang zwi­schen dem See und dem offe­nen Meer bil­den einen beson­ders wert­vol­len und schüt­zens­wer­ten Lebens­raum. Deren Erhal­tung ist nicht nur für das Über­le­ben von sel­te­nen Tier- und Pflan­zen­ar­ten von gro­ßer Bedeu­tung, son­dern auch für die loka­le Fische­rei. Mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung des GNF und des Rapun­zel Hand in Hand-Fonds star­te­te Amaf-Benin vor kur­zem ein Pro­jekt zum Schutz der Bio­lo­gi­schen Viel­falt in der Regi­on. Neben der Wie­der­auf­fors­tung degra­dier­ter Wald- und Man­gro­ven­flä­chen bil­det die Schu­lung von orts­an­säs­si­gen Jägern, Fischern sowie loka­len Behör­den­ver­tre­tern im nach­hal­ti­gen Manage­ment der natür­li­chen Res­sour­cen einen Schwer­punkt.