Biodiversitätskrise in Binnengewässern • WASSER & ABWASSER

Faszinierende Artenvielfalt in Binnengewässern, zum Beispiel der bedrohte Europäische Stör. Bild: C.PuschFaszinierende Artenvielfalt in Binnengewässern, zum Beispiel der bedrohte Europäische Stör. (Bild: C.Pusch)
Biodiversitätskrise in Binnengewässern

Am 6. Mai 2019 ver­öf­fent­licht der Welt­bio­di­ver­si­täts­rat (IPBES) eine Zusam­men­fas­sung für Ent­schei­dungs­trä­ger zum Arten­viel­falts-Report. Die Bio­di­ver­si­tät in Bin­nen­ge­wäs­sern ist beson­ders stark bedroht – etwa zwei bis drei Mal so schnell wie im Meer oder an Land schrei­tet der Arten­ver­lust in Flüs­sen, Seen und Feucht­ge­bie­ten vor­an. Am Leib­niz-Insti­tut für Gewäs­ser­öko­lo­gie und Bin­nen­fi­sche­rei (IGB) unter­su­chen For­schen­de die Ursa­chen und erstel­len Pro­gno­sen zu den Ver­än­de­run­gen der aqua­ti­schen Bio­di­ver­si­tät. IGB-For­sche­rin Son­ja Jäh­nig gibt eine Ein­schät­zung zum unbe­merk­ten Arten­ver­lust in Bin­nen­ge­wäs­sern und plä­diert für mehr öffent­li­ches und poli­ti­sches Bewusst­sein.

Obwohl Bin­nen­ge­wäs­ser weni­ger als ein Pro­zent der Erd­ober­flä­che bede­cken, gehö­ren sie zu den arten­reichs­ten Lebens­räu­men unse­res Pla­ne­ten – noch, denn Flüs­se und Seen sind von einem rasan­ten Rück­gang der bio­lo­gi­schen Viel­falt betrof­fen. For­schen­de des IGB unter­su­chen die Ursa­chen, erstel­len Pro­gno­sen zu den Ver­än­de­run­gen und bün­deln Kom­pe­ten­zen in der Bio­di­ver­si­täts­for­schung und im wis­sens­ge­stütz­ten Arten­schutz. Das IGB koor­di­niert auch die Alli­anz für die bio­lo­gi­sche Viel­falt in Süß­ge­wäs­sern – die Alli­an­ce for Freshwa­ter Life (AFL) – ein inter­na­tio­na­les Netz­werk von der­zeit 23 Part­nern aus For­schung, Bil­dung, Natur­schutz und Poli­tik. Dr. Son­ja Jäh­nig ist im Lei­tungs­team des Netz­werks. Auf dem 15. BMBF-Forum für Nach­hal­tig­keit vom 13. bis 14. Mai 2019 in Ber­lin wird sie „Leben­di­ges Was­ser: For­schungs­agen­da zur bio­lo­gi­schen Viel­falt der Bin­nen- und Küs­ten­ge­wäs­ser“ vor­stel­len; eine Initia­ti­ve, die aus Akti­vi­tä­ten der Alli­an­ce for Freshwa­ter Life her­vor­ge­gan­gen ist.

State­ment von IGB-For­sche­rin Son­ja Jäh­nig: „Die Zusam­men­fas­sung für Ent­schei­dungs­trä­ger des IPBES-Reports berück­sich­tigt die Bio­di­ver­si­täts­kri­se in Bin­nen­ge­wäs­sern nicht in aus­rei­chen­dem Maße. Als For­schen­de für Bin­nen­ge­wäs­ser spre­chen wir all­ge­mein vom unbe­merk­ten Arten­ver­lust, denn die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit rich­tet sich vor allem auf cha­ris­ma­ti­sche ter­res­tri­sche oder mari­ne Arten wie den Pan­da, den Eis­bär, Del­fi­ne oder Wale – dabei gäbe es auch im Süß­was­ser geeig­ne­te Arten, um die Auf­merk­sam­keit auf den besorg­nis­er­re­gen­den Zustand der Bio­di­ver­si­tät zu len­ken. In der aktu­el­len Zusam­men­fas­sung des IPBES-Berichts wer­den Land- und Mee­res­nut­zungs­än­de­run­gen als Haupt­fak­tor für den Ver­lust der Arten­viel­falt genannt. Ins­be­son­de­re Bin­nen­ge­wäs­ser sind star­ken Ver­än­de­run­gen durch den Men­schen aus­ge­setzt. Das Doku­ment zeigt auf, dass 75 Pro­zent der Süß­was­ser­res­sour­cen für die Land­wirt­schaft „ver­braucht“ wer­den – nur ein Bei­spiel für den enor­men Nut­zungs­druck auf Bin­nen­ge­wäs­ser und ihre bio­lo­gi­sche Viel­falt. Die Zusam­men­fas­sung nennt auch eine ein­deu­ti­ge Sta­tis­tik für Moo­re und Feucht­ge­bie­te: Seit dem 17. Jahr­hun­dert sind 85 Pro­zent der Feucht­ge­bie­te ver­lo­ren gegan­gen, der Ver­lust schrei­tet etwa drei Mal so schnell vor­an wie der Ver­lust an Wald­flä­che. Feucht­ge­bie­te sind ein wich­ti­ger Lebens­raum für vie­le Tier- und Pflan­zen­ar­ten. Laut IPBES sind über 40 Pro­zent der Amphi­bi­en­ar­ten vom Aus­ster­ben bedroht. Wir hof­fen, dass wir im Rah­men der Alli­an­ce for Freshwa­ter Life das The­ma Bio­di­ver­si­täts­kri­se in Bin­nen­ge­wäs­sern auf die gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Agen­da heben kön­nen.“