Bayerns Wasserkraft muss erhalten bleiben • WASSER & ABWASSER

Bayerns Wasserkraft muss erhalten bleiben

Auf großes Interesse aus der Bevölkerung und viel Unterstützung von Bürgermeistern, Land- und Gemeinderäten sowie Bundestagsabgeordneten sind die Tage der Wasserkraft Ende Mai gestoßen. 21 Betreiber von Wasserkraftanlagen in ganz Bayern hatten zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. „Zukunft Strom – gemeinsam mit der Wasserkraft“ lautete das Motto.

Auf Führungen und in Vorträgen stellten sie die älteste regenerative Energie im Freistaat vor, die auch heute noch etwa 15 Prozent zur Gesamtstromerzeugung in dem Bundesland beiträgt. Dabei informierten sie über ein ernstes Anliegen: Sollte das novellierte Erneuerbare Energien-Gesetz mit dem aktuellen Gesetzesentwurf Anfang 2023 in Kraft treten, droht vielen Wasserkraftanlagen bis 500 Kilowatt Leistung langfristig das Aus. Denn die Bundesregierung sieht vor, die Einspeisevergütung für Strom aus kleinen Wasserkraftanlagen zu streichen. Dies stieß bei den Besuchern ebenso wie bei Kommunalpolitikern auf Unverständnis – gehören doch die mittelständischen Betriebe wie Getreidemühlen und Sägewerke mit ihren Wasserkraftanlagen fest zum Ortsbild und zur lokalen Wirtschaft dazu. Schon im Vorfeld, aber auch auf den Veranstaltungen betonten die Politiker ihr Unverständnis für die Pläne der Ampel-Regierung und sicherten den heimischen Betrieben ihre Unterstützung zu.

Kulturelles Erbe droht zerstört zu werden

So zum Beispiel auf dem „Tag der offenen Wasserkraft-Tür“ des E-Werks Schweiger in Schwaig in der Nähe des Münchner Flughafens. „Schwaig ist aus der Wasserkraft entstanden. Die Wasserkraftanlage wurde 1240 das erste Mal urkundlich erwähnt, die Getreidemühle wurde für die Ernährung der Bevölkerung gebraucht“, berichtete Fritz Schweiger, Vorsitzender der VWB, in seiner Ansprache. „Sie hat die Pest, den Landshuter Erbfolgekrieg und zwei Weltkriege überstanden. Jetzt besteht durch die Pläne in Berlin das Risiko, dass wir zurückbauen müssen.“

Die Wasserkraft werde von der Bundesregierung als Bösewicht dargestellt und dafür verantwortlich gemacht, dass der angestrebte Gewässerzustand nicht erreicht sei. „Die Wasserrahmenrichtlinie – das Regelwerk, das sicherstellt, dass Gewässer geschützt sind – ist erfüllt“, stellte Schweiger mit Nachdruck fest. Auf 12 Kilometer Länge des Flusses Dorfen befinden sich sieben kleine Wasserkraftanlagen. „Der Gewässerzustand ist in einem guten ökologischen Zustand, wie uns das Bayerische Landesamt für Umwelt bestätigt hat“, bekräftigte Schweiger.

Die Wasserkraft, die zuverlässig, zeit- und wetterunabhängig Strom erzeugt, dient der Stabilität des Versorgungssystems und muss, wie alle anderen Erneuerbaren Energien ein überragendes öffentliches Interesse im EEG zuerkannt bekommen, forderte Schweiger. „Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Energieeffizienz, das heißt Bezahlbarkeit – das ist das Zieldreieck, das erfüllt werden muss und die Wasserkraft trägt dazu bei.“

Der 95-jährige Franz Schweiger, sein Sohn Franz Schweiger junior, der das Unternehmen zusammen mit seinem Cousin Fritz Schweiger leitet, sowie Robert Schweiger, Großneffe des Seniors, der für das Daten- und Sicherheitsmanagement im Unternehmen zuständig ist, demonstrierten auf dem Tag der offenen Wasserkraft-Tür eindrücklich die generationenübergreifende Tradition des Familienbetriebes.

„Bayern ist ein Wasserkraftland“

Viel Wertschätzung und Unterstützung erfuhr Familie Schweiger durch die Gäste aus der Politik und von Verbänden, darunter auch Detlef Fischer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). „Wenn ich den Energieversorger vor Ort habe, brauche ich nicht den Strom aus dem Norden. Eine Stromautobahn aus dem Norden in den Süden ist definitiv nicht ökologischer als die Wasserkraft“, betonte Bernhard Mücke, erster Bürgermeister von Oberding/Schwaig, in seinem Grußwort. „Bayern ist ein Wasserkraftland, die Wasserkraft muss erhalten bleiben.“ Die Anlagenbetreiber würden zudem viel Müll aus den Gewässern fischen, ein Aspekt, der häufig verschwiegen werde.

„Wenn das durchgeht, gleicht es einem Berufsverbot“, kritisierte Benno Zierer, Mitglied des Bayerischen Landtages, mit Blick auf den Gesetzesentwurf. Der gesunde Mittelstand breche weg, so seine Befürchtung. Laut Grundgesetz müsse der Staat für die Energieversorgung sorgen. „Die Wasserkraft darf nicht als Störfaktor betrachtet werden, sondern als Ergänzung zum Wohlbefinden in dem Land.“ Seit dem 24. Februar 2022, dem Beginn des Krieges in der Ukraine, sei ein weiterer Grund für die Energiewende noch offensichtlicher. „Wir müssen weg von Öl und Gas“, forderte Zierer. Dafür werden mehr von allen erneuerbaren Energien benötigt und nicht weniger.

Das E-Werk Schweiger betreibt fünf kleine Wasserkraftanlagen, mit denen circa 1.700 Haushalte mit durchschnittlichem Stromverbrauch versorgt werden können. Darüber hinaus hat der Betrieb Photovoltaikanlagen mit 6 Megawatt Leistung am Netz. „Niemand der Anwesenden konnte sich so richtig vorstellen, weshalb jetzt die Naturschützer und Umweltbehörden plötzlich mit einem großen Bagger kommen und ein frei fließendes Gewässer schaffen wollen: Zurück zur Ur-Natur“, sagt Fritz Schweiger rückblickend.

Gemeindewerke betreiben Wasserkraftanlagen

In Ismaning bei München hatten die Gemeindewerke Ismaning  eingeladen. „Der Tag zur offenen Türe war gut besucht mit vielen interessierten Bürgern“, berichtet Robert Grüner zufrieden.

In Ismaning, einer Gemeinde mit 18.000 Einwohnern, geht der Standort der Wasserkraftanlage auf das Jahr 1906 zurück. Früher stand hier ein Bauernhof mit einer Mühle und einer Säge. Heute ist dort das kommunale Kultur- und Bildungszentrum „Seidl-Mühle“ zu finden. Die Gemeindewerke Ismaning betreibt hier seit 13 Jahren eine Wasserkraftanlage mit maximal 30 Kilowatt Leistung und Volleinspeisung im Seebach, seit neun Jahren eine weitere Anlage mit maximal 18 Kilowatt Leistung am Goldachhof, ein denkmalgeschützter Gutshof im Erdinger Moos.

Eine dritte Anlage ist in Planung. Sie würde die Durchgängigkeit auf der Gewässerstrecke wieder ermöglichen, die durch den Umbau des Baches zu einem Kanal – um das Jahr 1910 – verloren gegangen war. Für die GWi ist die Wasserkraft eine Säule in der möglichst unabhängigen, klimaschonenden Energieversorgung. Neben Stromerzeugungsanlagen betreiben sie auch eine Tiefengeothermieanlage für die Wärmeversorgung der Gemeinde.

Den Tag der Wasserkraft des Klostermühlenmuseums Thierhaupten im Landkreis Augsburg besuchten etwa 60 Personen. Das Museum will die weiteren Jubiläumstage dafür nutzen, auf die kleine Wasserkraft aufmerksam zu machen.

Die Tage der Wasserkraft sind eine gemeinsame Aktion der Vereinigung Wasserkraftwerke in Bayern  und des Landesverbandes Wasserkraftwerke in Bayern. „Wir freuen uns sehr über das große Interesse und die Unterstützung aus der Bevölkerung und der Kommunalpolitik. Bleibt zu hoffen, dass auch die Politik in Berlin die guten und wichtigen Argumente für die kleine Wasserkraft anerkennt und in der EEG-Novelle entsprechend berücksichtigt“, sagt Hermann Steinmaßl, stellvertretender Vorsitzender der VWB.